Matilda-Effekt: Darum werden Frauen in der Forschung bei der Förderung benachteiligt

Matilda-Effekt: Darum werden Frauen in der Forschung bei der Förderung benachteiligt

Frauen in der Forschung – diesem Thema widmet sich eine Sonderausgabe der Fachzeitschrift „The Lancet“. Und beschäftigt sich vor allem mit der Frage, welche Unterschiede es bei der Finanzierung von Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gibt. Das Ergebnis ist frappierend.

Verglichen mit anderen Lebensbereichen stechen in der Wissenschaft die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau vielleicht am meisten ins Auge. Sie werden erstens Opfer des Matilda-Effekts: der Beitrag von Wissenschaftlerinnen wird systematisch verdrängt oder geleugnet – und stattdessen ihren männlichen Kollegen zugerechnet. Dieser Effekt wurde bereits 1993 von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter postuliert.

Für dieselbe Arbeit werden Wissenschaftlerinnen schlechter bezahlt

Eine weitere Folge der Geschlechter-Diskriminierung äußert sich bei der Finanzierung von Forschungsarbeiten: Die Beiträge von Wissenschaftlerinnen werden schlechter bezahlt. Darauf hat die Fachzeitschrift „The Lancet“ hingewiesen, die diesem Thema in ihrem Sonderheft über Frauen in der Wissenschaft einen langen Artikel widmet. Dafür wurden knapp 24.000 Bewerbungsdossiers für Forschungsstipendien analysiert, die beim kanadischen Institut für Gesundheitsforschung (CIHR) eingegangen sind. Von den 7.093 Anfragen kamen nur 37 % von Frauen. Die Wissenschaftlerinnen sind also in der Minderheit. Es ist für sie schwieriger, sich in Auswahlverfahren durchzusetzen.

Schlechter sichtbar, schlechter finanziert

Gemäß dem Matilda-Effekt sind Frauen als Rednerinnen auf Konferenzen und wissenschaftlichen Kongressen oder als Verfasserinnen von Publikationen  deutlich unterrepräsentiert. Der Ursprung dieser kümmerlichen Vertretung in der Welt der Wissenschaft: die ungleiche Finanzierung ihrer Arbeit.

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Interessant ist, dass das kanadische Institut für Gesundheitsforschung seit 2014 zwei verschiedene Vergabeverfahren anwendet: Das erste Verfahren konzentriert sich auf das Rechercheprojekt, das in der Bewerbung vorgestellt wird. Beim zweiten Verfahren wird die Person, die hinter der Bewerbung steht, in den Blick genommen. Und genau dieses zweite Verfahren ist die Quelle der Ungleichheit: Hier verringern sich laut der Studie die Erfolgschancen für eine Frau um 4 Prozentpunkte. Wird das erste Verfahren angewandt, also nur das Rechercheprojekt selber betrachtet, hat sie nur um 0,9 Prozentpunkte schlechtere Chancen. Und in dieser Tatsache liegt auch die Ursache der mangelnden Finanzierung der Forschungsarbeit von Frauen begründet.

Verzerrte Bewertungen

„Unsere Studie liefert den ersten handfesten Beweis, dass die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau bei der Bezahlung daher kommen, dass sie unterschiedlich bewertet werden. Es liegt nicht an der Qualität ihrer Forschung. Die Forscherinnen werden im Auswahlprozess weniger positiv bewertet“, beklagt Holly Witteman, Doktorin an der Universität Laval von Quebec in Kanada. Die verzerrte Bewertung bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Wissenschaft an sich. „Die Vorurteile bei der Vergabe der Stipendien […] sind schuld, dass die besten Arbeiten nicht finanziert werden. Wenn sich das fortsetzt, bleiben ganze Forschungsfelder unbehandelt, Karrieren werden zerstört, persönliche Rechte werden missachtet, Potential nicht genutzt, die Finanzierungsagenturen profitieren nicht von dem Geld, das sie investieren“, bedauert Holly Witteman.

Der Weg ist lang

Um diese ausgetretenen Pfade zu verlassen, hat die Wissenschaftlerin pragmatische Empfehlungen parat: „Forschungsprogramme, die Projekte finanzieren und keine Personen, können dabei helfen, die Hindernisse für Frauen endlich zu beseitigen. […] Wir rufen alle Geldgeber, Institutionen, Zeitschriften, alle Gelehrtengesellschaften und privaten Forscher dazu auf, sich ihrer Rolle bewusst zu werden, die sie dabei spielen könnten, eine konsequent gerechte und gleichwertige Bewertung zu gewährleisten“, schlussfolgert Holly Witteman. Die Welt der Wissenschaft hat noch einen langen Weg vor sich, bevor Mann und Frau endlich gleich viele Chancen und Möglichkeiten haben.

Lucia Salomon
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