"Covid-Gender-Gap": Wie die Impfung die Ungleichheit der Geschlechter in Indien verstärkt

In Indien sind Frauen gegenüber Männern stark benachteiligt, und das - wie es scheint - in jeder Hinsicht. Expert:innen warnen jetzt davor, dass der Gender-Gap durch Covid-Impfungen noch verstärkt wird.

"Covid-Gender-Gap": Wie die Impfung die Ungleichheit der Geschlechter in Indien verstärkt
© triloks@Getty Images
"Covid-Gender-Gap": Wie die Impfung die Ungleichheit der Geschlechter in Indien verstärkt

Auch in Indien sind Covid-Impfungen in vollem Gange, ist doch das Land von der Coronakrise stärker mitgenommen als viele andere weltweit. Sogar Kapitalisten machen mit dem Leiden erkrankter Menschen Profit und die Delta-Variante versetzt seit ihrem Auftreten die Welt in Angst und Schrecken.

Indien: Covid-19-Impfung in erster Linie für Männer

Die Impfkampagne, um der Situation Herr zu werden, ist jedoch sehr einseitig: Viel mehr Männer als Frauen haben bisher eine Covid-19-Impfung erhalten. Damit reiht sich ein weiterer Faktor zu der bereits sehr langen Liste an sozialen Ungleichheiten von Mann und Frau.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern ist in Indien bereits an sich sehr hoch. Patriarchalische Werte bestimmen den Großteil der Familien und Ungleichheiten sind strukturell stark in der Gesellschaft verankert.

Nun warnen Aktivist:innen und Akademiker:innen laut The Guardian vor diesem Gefälle, das stark zu Ungunsten der Frauen ausfällt und auch die Covid-19-Impfungen betrifft.

In Zahlen sieht dieser Covid-Gender-Gap in Indien laut CoWin folgendermaßen aus: 309 Millionen Covid-Impfdosen waren ab Januar 2021 verfügbar. Bis 25. Juni wurden davon 143 Millionen Frauen verabreicht, 167 Millionen Männern. Das bedeutet ein Verhältnis von 856 an Frauen zu 1.000 an Männer verabreichte Dosen.

Männer haben in Indien mehr Zugang zu Covid-Impfungen als Frauen.  Paul Biris@Getty Images

Fehlender Zugang und Fehlinformationen

Grund für die benachteiligte Situation sind in erster Linie fehlender Zugang zu Informationen sowie Fehlinformationen. Zahlreiche Frauen zögern, wenn sie Gerüchte zu Nebenwirkungen hören, dass die Impfung möglicherweise Fruchtbarkeit und Menstruation negativ beeinflussen könnte.

Oftmals sind es aber auch der fehlende Zugang zu Technologien, wie Anmeldungen über das Telefon oder Internet. Viele haben keine Möglichkeit, zu den Impfzentren zu gelangen.

Zahlreiche Frauen in ländlichen Gebieten können sich aufgrund der mangelnden öffentlichen Verkehrsbindung nicht impfen lassen oder sie schaffen es nicht, alleine dorthin zu gelangen. Sofia Imad, Junior Fellow bei Thinktank IDFC Institute in Mumbai, erklärt gegenüber The Guardian:

Frauen brauchen oft auch die Erlaubnis ihrer Ehemänner, um sich impfen zu lassen. Selbst wenn sie diese bekommen, wenn ihre Ehemänner nicht verfügbar sind, um sie zu begleiten... verpassen sie es.
Fehlender Zugang und Fehlinformationen verstärken das soziale Ungleichgewicht. Belle Maluf@Unsplash

Tief verwurzelter Gender-Gap

Doch die Realität ist noch viel tiefgreifender. So beschreibt Bhagyashri Dengle, Geschäftsführerin für den asiatisch-pazifischen Raum und geschlechtertransformative Politik und Praxis bei Plan International, wie Frauen in der indischen Gesellschaft wahrgenommen werden:

Frauen werden nicht als wichtiger Teil der Familien-, Gemeinschafts- oder Gesellschaftsstruktur gesehen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei Impfstoffen spiegelt die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wider, die in Indien und sogar international vorherrscht.

So herrscht in Indien großteils die Meinung vor, so Julie Thekkudan, Expertin für Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit, dass es wichtiger sei, Männer vor Frauen zu impfen.

Zudem würden in Familien Männer ihre Frauen weniger häufig registrieren, damit diese sie gesund pflegen und sich um die Kinder kümmern können, falls die Nebenwirkungen der Impfung heftiger ausfallen sollten.

Diese Ungleichheit wurzelt somit in den sozialen Normen, die in der Gesellschaft vorherrschen und die von klein auf erlernt werden. Das Bewusstsein dieser sozialen Benachteiligung, die jeden Bereich unseres Lebens betrifft, ist wichtig, um diese alten Strukturen aufzubrechen, die leider noch in viel zu vielen Ländern vorherrschen.

Frauen sind auch beim Impfen benachteiligt, Daten von Transgender und binären Personen werden meist nicht einmal richtig getrackt. Tim Mossholder@Pexels