"Mädchen sollten sich über mehr definieren, als möglichst dünn und schön zu sein"

Vielfalt auf dem Laufsteg ist noch längst keine Selbstverständlichkeit. Dass es auch anders geht, beweist die Bloggerin und Plus-Size-Aktivistin Julia Kremer. Sie steht bei Miss Germany 2021 im Finale.

"Mädchen sollten sich über mehr definieren, als möglichst dünn und schön zu sein"
© Schönwild (mit freundlicher Genehmigung von Julia Kremer)
"Mädchen sollten sich über mehr definieren, als möglichst dünn und schön zu sein"

Julia Kremer steht seit 2008 als Model vor der Kamera. Drei Jahre später startet sie ihren Plus-Size-Blog SchönWild.de. Und heute? Ist Julia Kremer eine von 16 Finalistinnen bei Miss Germany.

Alles andere als hässlich: Julia Kremer macht gezielt auf die Diskrimierung dicker Menschen aufmerksam. Vierfotografen (mit freundlicher Genehmigung von Julia Kremer)

Mut zu mehr Sichtbarkeit

Ob auf dem Laufsteg oder auf ihrem Instagram-Account @schoenwild: Julia Kremer nutzt jede Gelegenheit dazu, Frauen Mut zu machen, sich so zu zeigen und zu lieben, wie sie eben sind.

In ihrem Element: Julia Kremer im Fotostudio Schönwild (mit freundlicher Genehmigung von Julia Kremer)

Und dass es ein Plus-Size-Model in die Endauswahl von Miss Germany schafft zeigt: Dieser Kampf für mehr sichtbare Vielfalt trägt Früchte. Wie es dazu kam und wie Schönheitswettbewerbe in 20 Jahren aussehen könnten, darüber spricht Julia Kremer im Interview mit uns.

"Dick bedeutete: Hässlich, unsicher, ungesehen"

Ohmymag: Julia, du bist Plus-Size-Model und stellst dich als Miss Germany 2021 zur Wahl: Wie kam es dazu?

Ich hatte Anfang 2020 eine Ausschreibung entdeckt. Das neue Design von Miss Germany ist mir sofort aufgefallen. Ich habe dann direkt nachgesehen, ob es auch inhaltliche Veränderungen gibt und ich habe gestaunt, als ich keine Mindestmaße etc. gefunden habe. Dann habe ich meine Bewerbung abgesendet und mein Glück versucht.

Ohmymag: Kann ein Format wie "Miss Germany" wirklich für Body Positivity stehen?

Miss Germany bietet uns Frauen ab jetzt die Möglichkeit unsere Stimme zu nutzen und Sichtbarkeit zu bekommen. Wenn eine Kandidatin das Thema Body Positivity mitbringt und dafür einsteht, dann kann das Format Miss Germany dafür stehen.

Ohmymag: Wann und warum hast du für dich entschieden, für Body Positivity zu kämpfen?

Seit 8 Jahren habe ich meinen Plus Size Fashion Blog SchönWild.de. Seitdem wurde mir immer bewusster, dass irgendwas in unserer Gesellschaft nicht fair läuft. 2020 habe ich mit meiner Blogger Kollegin Verena Prechtl #RespectMySize gestartet, um Vorurteile und Diskriminierung dicker Menschen in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der jeder Mensch so sein darf, wie er/sie/xier ist!
Julia Kremer als Kind (links) und heute Foto links: privat/Foto rechts: Stella Sieger (mit freundlicher Genehmigung von Julia Kremer)

Ohmymag: Wie hast du deinen Körper als Kind oder Jugendliche erlebt?

Vermutlich so wie jede junge Frau, die in den 90ern aufgewachsen ist: Immer zu dick und daher war ich auf Dauer-Diät, die eine Essstörung ausgelöst hat. Und "zu dick" oder "fett" nicht im Sinne von dick. Das Wort dick, das eigentlich nur eine Statur beschreibt, so wie groß oder klein. "Dick" oder "dünn" wurde in unserer Generation als Gefühlsbeschreibung geprägt. Ich fühle mich dick, bedeutete: Hässlich, unsicher, ungesehen, nicht genug, wertlos. Und deswegen haben auch so viele Menschen Angst, dick zu sein. #FETTPHOBIE. Das ist mir allerdings erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden. Deswegen ist es mir so wichtig, dass wir Fettphobie bewusst umlernen und uns darüber klar werden und den jungen Menschen und den nächsten Generationen andere Werte vermitteln.

Ohmymag: Was würdest du dir für die jungen Generationen von heute wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass junge Menschen von Anfang an ihre Stärken lernen und nicht auf ihre Schwächen reduziert werden und sich gerade Mädchen über mehr definieren, als möglichst dünn und schön zu sein.

Ohmymag: Wie sieht eine Miss-Germany-Wahl in 20 Jahren aus?

Vermutlich sehr divers. Ich würde es mir auf jeden Fall wünschen :)