Chamäleon-Effekt: Was mit deiner Umgebung passiert, wenn du auf dein Handy schaust

Nachahmungseffekte ziehen sich nicht nur durch das Verhalten vieler Tiere, sondern auch durch das des Menschen. Eine Forschergruppe hat hier eine besondere Situation untersucht und kommt zu einem verblüffenden Ergebnis. Wir verraten euch alles dazu.

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Wer hat sich nicht schon über Nachahmungsphänomene gewundert: Bei Haustieren, bei Kindern und Verwandten, aber auch bei uns nicht näher bekannten Zeitgenossen in unserer Umgebung. Im Tierreich wird hier von Mimikry gesprochen, beim Menschen dann vom Chamäleon-Effekt. Für die Menschheitsgeschichte ist dieses Verhalten von größter Bedeutung gewesen. Bei den Menschen des digitalen Zeitalters gibt es mitunter aber erstaunliche Entwicklungen.

Der Handy-Zwang des Chamäleons

Spezialisten auf dem Feld der vergleichenden Verhaltensforschung haben die Entdeckung gemacht, dass heutzutage das Hervorholen eines Handys mit anschließender Screen-Betrachtung einen waschechten Chamäleon-Effekt auslöst. Denn die umstehenden Zeitgenossen wollen sofort dasselbe tun und auch wie die Bezugsperson das Handy hervorholen.

Um diese spezielle Situation dann wissenschaftlich besser verwertbar zu machen, führen die Wissenschaftler von der Universität Pisa eine Studie nach allen Regeln der Kunst durch, die im April 2021 im Journal of Ethology veröffentlicht worden ist.

Ein Feldversuch in Echtzeit

Das Forscherteam hat daraufhin in 820 Situationen des täglichen Lebens, also in Parks, Restaurants, öffentlichen Verkehrsmitteln, Wartezimmern und auf Partys insgesamt das Verhalten von 88 Frauen und 96 Männern studiert, die völlig ahnungslos von alledem gewesen sind.

Bei dem Versuch sind zwei verschiedene Situationen unterschieden worden: In der ersten Situation holt eine Person ein Handy heraus, schaut auf das Gerät und fasst auf den Screen. In der zweiten Situation wird das Handy nur hervorgeholt, aber nicht angesehen, allein ein Finger wischt darüber hinweg.

Ein wissenschaftliches Ergebnis

In den 820 erfassten Situationen ist es immer ein Mitglied des Forscherteams gewesen, das den Versuch durch Handyziehen auslöst. Die Ergebnisse der Studie sprechen für sich: 50% der umstehenden Personen checken ihr Handy innerhalb von 30 Sekunden, wenn die Bezugsperson auf das Handy blickt (Situation 1), aber nur 0,5%, wenn das Handy nur angefasst wird (Situation 2).

Daraus ergibt sich, dass es der Blick auf das Handy ist, der den Chamäleon-Effekt auslöst. Ähnlich, wie man also gähnt, wenn ein anderer gähnt, holen wir also jetzt unser Handy hervor, wenn jemand es uns vormacht. Dieses Verhalten ist absolut unbewusst und kann bei Frauen wie Männern aller Altersklassen und aller Gesellschaftsschichten beobachtet werden.

Ein Verhalten, das menschliche Bindung unterbricht

Früher hat der Chamäleon-Effekt Menschen dazu gedient, sich in Gruppen zusammenzufinden, was sehr identitätsstiftend ist. Unser heutiges Handy-Phänomen wirkt leider in eine andere Richtung.

Einerseits unterbricht man nämlich durch das Hervorholen des Gerätes den Kontakt mit den Umstehenden, andererseits werden Menschen, die kein Handy haben, durch dieses Verhalten völlig isoliert. Letztere können sozusagen nicht mitspielen und fühlen sich unbewusst ausgegrenzt.

Der Mensch kann sozusagen nicht aus seiner Haut. Das Studium des menschlichen Verhaltens wird noch viele Forschungsprojekte ausfüllen, der Chamäleon-Effekt stellt hier nur einen der faszinierendsten Aspekte dar.