Was diese Schwertwal-Mutter mit ihrem toten Jungen macht, rührt zu Tränen

Was diese Schwertwal-Mutter mit ihrem toten Jungen macht, rührt zu Tränen

Seit Ende Juli verfolgen Wissenschaftler vor der kanadischen Küste Britisch-Kolumbiens dramatische Szenen. Ein Schwertwal-Weibchen namens J35 bringt ein Junges zur Welt - doch das Kalb stirbt. Was die Mutter dann tagelang mit ihrem Schützling macht, bringt sogar hartgesottene Tierfreunde zum Weinen.

Menschenaffen und insbesondere Schimpansen-Weibchen sind dafür bekannt, die Kadaver ihrer toten Jungen noch tagelang mit sich herumzutragen. Als seien sie nicht fähig, die Tragik der Situation zu verstehen. Das, was Wissenschaftler des Walforschungszentrums auf der Insel San Juan momentan vor der Ostküste Kanadas beobachten, ist nicht weniger rührend.

Seit Ende Juli versucht eine zwanzigjährige Schwertwal-Mama verzweifelt, ihr totes Kalb an der Wasseroberfläche zu halten. Das Junge war kaum eine Stunde nach seiner Geburt am 24. Juli verstorben. Als wolle sie ihm helfen, Atem zu holen, stupst sie es mit der Nase immer wieder an die Wasseroberfläche. Das Kalb scheint trotz mehrerer Tage im Wasser noch unversehrt. Unermüdlich holt es seine Mutter nach oben, wenn es absinkt. Ein traurig anzusehendes und aussichtsloses Unterfangen.

„Sie trägt es auf einer Flosse oder auf ihrer Stirn. Und wenn es abrutscht, holt sie tief Atem, taucht unter und holt es wieder herauf“, erzählt Deborah Giles, eine Wissenschaftlerin der Universität von Washington und Spezialistin der Erhaltung der Biosphäre. „Wir alle fragen uns, wann sie wohl das letzte Mal abtaucht, endlich aufgibt und es absinken lässt“, erzählt sie weiter. 

Sein Tod beunruhigt die Wissenschaftler

So erstaunlich dieses Verhalten auch anmutet, es ist nicht komplett neu, erklärt Ken Balcomb, der Leiter des Walforschungszentrums der Washington Post: „Es ist zwar schon vorgekommen, doch hier beobachte ich dieses Verhalten zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum.“ Schwertwale sind besonders intelligente Tiere - es ist Pflegern sogar schon gelungen, ihnen menschlich klingende Töne beizubringen. Außerdem scheinen die Tiere Dankbarkeit empfinden zu können, wie dieses Video zeigt. Es liegt also nahe, dass dieses Muttertiere seine Verzweiflung ebenso spürt.

Am Anfang scheinen die übrigen Wale der Gruppe, die das tragische Geschehen miterlebt haben, das Verhalten der Wal-Mutter normal zu finden. Doch nach und nach sondert sich das Weibchen von der Gruppe ab. Das beunruhigt die Wissenschaftler aus verschiedenen Gründen.

Zum einen nimmt die Schwertwal-Population drastisch ab. Es gibt im nordöstlichen Pazifik nach Angaben des Walforschungszentrums nur noch 75 lebende Schwertwale. Dazu kommt, dass innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte 75% der Jungtiere nach der Geburt nicht überlebt haben. Auf das Junge des Schwertwal-Weibchens (Tahlequah, wie sie die Wissenschaftler nannten) wurden große Hoffnungen gesetzt.

Ein weiterer Grund zur Beunruhigung ist das Alter der Weibchen dieser Schwertwal-Population. Sie könnten bald zu alt sein, um sich noch fortzupflanzen. Schwertwal-Weibchen sind 15 bis 18 Monate trächtig und bringen nur alle drei bis fünf Jahre ein Junges zur Welt. „Wir befürchten, dass diese Schwertwal-Generation die letzte ihrer Art ist“, sagt Ken Balcomb. Auch die Gesundheit des Weibchens J35 ist nach Ansicht der Experten besorgniserregend.

Die Schwerwal-Mutter will ihr Junges nicht aufgeben

Sie ist zwanzig Jahre alt, in der Blüte ihres Lebens und fortpflanzungsfähig. Wir können es uns nicht leisten, sie zu verlieren“argumentiert die Wissenschaftlerin Deborah Giles. Doch ganz offensichtlich leidet das Tier große psychische Qualen. Seit der Geburt ihres Jungen nimmt sie fast keine Nahrung mehr zu sich. „Was ist schlimmer als Trauer? Ich kann es nicht sagen, jedenfalls ist das ihr derzeitiges Problem“setzt Giles fort, deren Team die Schwertwal-Mutter weiterbeobachtet, solange sie nicht von ihrem Jungen ablässt. Einerseits, um sich zu vergewissern, dass sie wieder ein normales Leben aufnimmt und andererseits, um das tote Kalb obduzieren und seine Todesursache klären zu können. Immer mehr Meerestiere, so wie etwa auch diese Baby-Robbe, verenden nämlich an den Unmengen an Plastik, die wir Menschen produzieren und im Meer entsorgen. 

Bis jetzt trägt die Schwertwal-Mutter immer noch ihr totes Kalb auf der Stirn. Sie hat so inzwischen tausende Kilometer mit ihrer Familie vor den Küsten Kanadas und der Vereinigten Staaten hinter sich gebracht. Die Geschwindigkeit, mit der sie sich so fortbewegt und die Entfernungen, die sie so hinter sich bringt, sind unermesslich“kommentiert Taylor Shedd vom Team der Organisation Soundwatch, von der die Wissenschaftler bei der Verfolgung des Schwertwal-Weibchens unterstützt werden.

Ich bin froh, dass es dem Weibchen wenigstens so gut geht, dass es gut schwimmen und seiner Familie folgen kann. Doch es so mit seinem Jungen zu sehen, bricht mir das Herz. Wie schwer muss es für diese Schwertwal-Mutter mental und emotional doch sein, ihr totes Junges so mitzutransportieren“fragt er sich.

• Sophie Kausch
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