„Sehe meinen Sohn wieder“: Musiker Reinhard Mey offen über seinen Tod
Reinhard Mey zeigt sich mit 83 Jahren so persönlich wie nie. Mit seinem neuen Album „Schatzhauser“ und bewegenden Worten zum Tod eröffnet er einen ehrlichen Blick auf seine Gefühlswelt.
Mit einer Gitarre und seiner Stimme kehrt Reinhard Mey zu seinen Wurzeln zurück. Das frisch erschienene Album „Schatzhauser“ steht ganz im Zeichen der Reduktion: keine großen Arrangements, nur intime Melodien, entstanden aus einer beeindruckenden, über Jahrzehnte gewachsenen künstlerischen Freiheit. Mey, der mit 83 Jahren auf eine riesige Karriere zurückblickt, nutzt die Stille dieses Albums, um tief in Themen wie Angst, Trost und Abschied einzutauchen.
„Schatzhauser“ ist schon das 30. Album von Mey. Diesmal hat er sich entschieden, völlig auf weitere Musiker oder aufwändige Inszenierungen zu verzichten. Nur Gitarre und Stimme, ganz pur – das ist der Kern seines Ansatzes. Immer wieder betont der Liedermacher, wie sehr ihn diese Einfachheit befreit: Ohne Band oder großes Studio ist er unabhängig vom Takt, kann spontan gestalten und jede Zeile voll ausleben. Diese Freiheit sei für ihn mit großem inneren Wert verbunden, gerade im fortgeschrittenen Alter, wo der Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben noch klarer wird.
Doch nicht allein die Musik steht bei dieser Veröffentlichung im Vordergrund. Vielmehr nutzt Mey die Gelegenheit, sich seinen Fans auch von einer sehr privaten Seite zu zeigen. In aktuellen Interviews spricht er offen über Themen, die den Menschen beschäftigen, sobald sie älter werden: Verlust, Abschied, Ängste – und wie man damit umgeht. Schon beim ersten Anhören spürt man förmlich, wie alle Emotionen in dieses Album geflossen sind. Man merkt: Dieses Werk ist weder reine Rückschau, noch ein endgültiges Kapitel. Es ist ein weiterer, ehrlicher Eintrag in Meys bewegter Lebensgeschichte, voller Sehnsucht, Erinnerungen und zarter Hoffnung.
„Die kindliche Angst vor der Dunkelheit“ – Meys Blick auf das Alter
Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung verrät Reinhard Mey: „Die kindliche Angst vor der Dunkelheit, die kindliche Angst vor der Nacht, die verlässt einen auch im neunten Lebensjahrzehnt nicht. Es wird sogar etwas stärker“. Trotz dieser Ängste bleibt der Musiker erstaunlich vital. Acht Kilometer am Tag legt er zu Fuß zurück, die Blutdruckwerte stimmen, er sieht und hört gut – und das Glas Wein genießt er weiterhin. Auf der Bühne steht Mey zwar nicht mehr, das Schreiben neuer Lieder bleibt aber seine Leidenschaft.
Auch mit 83 ist Mey voller Lebensfreude. Seine Gedanken kreisen nicht nur um Abschied und Vergänglichkeit – genauso sehr betont er, wie er das Hier und Jetzt genießt. Er sagt offen, dass er keinerlei Angst vor dem eigenen Alter empfindet, sondern die Zeit bewusst lebt. Diese Ehrlichkeit macht ihn so nahbar. Er blickt zurück auf seine jahrzehntelange Karriere und nimmt dabei auch Schmerz, Trauer und die kleinen Dinge des Alltags mit ins künstlerische Schaffen auf. Was ihn auszeichnet? Der Mut, persönliche Schwächen zuzugeben und zu zeigen, wie menschlich auch große Künstler bleiben.
Im Alltag steht Mey gerne früh auf, genießt die Ruhe, denkt nach, beobachtet das Leben um sich herum. Wenn er schreibt, fließen sowohl schöne wie schwere Erlebnisse ein. Seine Zuhörer finden sich darin wieder – egal, ob sie selbst schwere Zeiten erleben oder einfach nur mitfühlen. Vielleicht schafft es niemand sonst, Freude und Wehmut so gekonnt miteinander zu verweben. Dennoch – seine Angst vor Dunkelheit und Nacht bleibt immer ein Thema. Ja, selbst nach all den Jahren, sagt Mey im Interview, werde sie „etwas stärker“. Wer kennt das nicht?
Abschied und der Wunsch nach Nähe zur Familie
Die Erfahrung von Verlust prägt Meys Sicht auf das Leben. Besonders berührend: Der Tod seines Sohnes Maximilian im Mai 2014 im Alter von nur 32 Jahren nach einer verschleppten Lungenentzündung bleibt eine offene Wunde. Mey spricht ganz offen über seinen letzten Wunsch: Er möchte „unter einem Baum“ beerdigt werden, neben seinem Sohn, und dort soll Platz für die ganze Familie sein. „Ich sehe meine Eltern wieder, ich sehe meinen Sohn wieder.“ Trotzdem behält er einen klaren Blick: In den Gräbern, gibt er pragmatisch zu, blieben am Ende „nur die Asche“ – Trost und Realismus liegen für ihn nah beieinander.
Sein Wunsch nach Familie und Zusammenhalt wird in diesen Worten spürbar. Für Mey bedeutet der Tod keinen endgültigen Abschied, vielmehr verbindet er damit die Hoffnung, vertraute Menschen wiederzusehen. Gleichzeitig fehlt aber jede Verklärung: Der Musiker weiß, wie definitiv der Abschied ist – ein Gedanke, den er nicht verdrängt. Ein Platz unter einem Baum, inmitten der Liebsten, gibt ihm die Vorstellung von Frieden und Nähe.
Maximilian prägte sein Leben auf tragische Weise. Nach dessen Tod war Mey monatelang wie gelähmt, offenbarte er in einem älteren Interview. Doch statt sich an der Trauer festzuklammern, entschied er sich, Musik wieder als Trost zuzulassen. Viele seiner Lieder, gerade in den letzten Jahren, handeln von Erinnerungen, von Hoffnung und von der Suche nach Sinn. Im Gespräch mit der Bunte brachte Mey es auf den Punkt: Auch wenn am Ende wirklich nur noch Asche übrig ist, bleibt zwischen den Menschen etwas bestehen – ein Band aus Liebe, das nicht so leicht zerreißt.
Ein Album als Neuanfang, kein Abschied
Obwohl das neue Werk für viele wie ein ruhiger Rückblick wirkt, ist „Schatzhauser“ für Mey kein Abschied. Stattdessen macht er klar, dass Musik und Familie ihn weiter durchs Leben tragen. Die Freiheit, ohne enge musikalische Vorgaben zu arbeiten, gibt ihm neue kreative Impulse – kein Zweifel: Reinhard Mey zieht aus jeder Lebensphase Inspiration, auch aus Schmerz. In Gesprächen mit FAZ und Bunte unterstreicht er, dass das Ende auf der Bühne nicht gleich das Ende der künstlerischen Reise ist.
Seine Fans wissen: Rückzug aus dem Rampenlicht heißt bei Mey nie Stillstand. Er hat nie aufgehört, Gedanken und Beobachtungen aus dem Alltag aufzuschreiben. Gerade weil er nicht mehr auf Tournee geht, hat er mehr Zeit für das, was ihm wirklich nahegeht – ganz ohne Druck. Noch immer entstehen dabei neue Lieder, manche melancholisch, andere voller Hoffnung. Oft verarbeitet Mey darin die Erlebnisse der letzten Jahre, die Erinnerungen an den Sohn, Gespräche mit alten Freunden oder Spaziergänge in der Natur.
Wer „Schatzhauser“ hört, merkt, dass es von einer tief empfundenen Ruhe getragen wird. Für Mey ist das Album kein Abschied vom Leben, sondern eher ein Tribut an die Kraft der Kunst. Vielleicht macht genau das seine Lieder so besonders: Sie sind ehrlich, nie gekünstelt und öffnen dem Zuhörer immer wieder neue Perspektiven auf das eigene Dasein. Was bleibt, ist der Wunsch, Musik und Familie fest im Leben zu halten, solange es irgendwie geht.
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„Sehe meinen Sohn wieder“: Musiker Reinhard Mey offen über seinen Tod
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